Der kleine Jakob

T. Bodan

Es war ein wunderbarer Spätoktoberabend auf der Insel Ummanz. Jakob und sein Vater traten aus dem Gästehaus. Langsam, ganz langsam gingen sie um das Haus herum, bis sie unter der großen Espe standen die dort wuchs. Dort wartete der Hausherr.

„Na Jakob, freust Du Dich schon?“, fragte er. Jakob hob schüchtern die Schultern. Seine großen Augen starrten wie aus tiefen Höhlen.

„Wir klettern jetzt dort hoch“, der Hausherr zeigte nach oben auf die riesige Espe wo man ein ausladendes Netz, ein Sitztrapez erkennen konnte, das von hier unten jedoch ganz klein aussah. „D.h.“, der Hausherr lächelte etwas verlegen „Ich klettere zuerst hinauf, dann lasse ich den Korb hinunter und ziehe Euch beide hoch.“ Damit drehte er sich um. Jakob sah, dass er einen kleinen Rucksack auf dem Rücken trug.

„Uns beide?“ fragte Jakob überrascht.

„Oh ja, Euch beide“, bestätigte der Hausherr. Er hatte bereits hinter sich in ein großes, festes Kletternetz gegriffen. „Du wirst schon sehen.“ Dann kletterte er an seinem Netz nach oben bis zum Trapez. Dort hantierte er eine Weile und ließ schließlich einen großen Korb, wie einen Fahrstuhl hinunter.

„Keine Sorge, meine Sohn“, erklärte Jakobs Vater ruhig. „Das ist ein Flaschenzug, d.h. unsere 100 Kilo, die wir zusammen wiegen sind für den Onkel nur gut 30 Kilo, verstehst Du?“

Jakob verstand ein bißchen, aber auch DREISSIG Kilo kamen ihm verdammt viel und verdammt schwer vor.

Dann war der Korb unten und sein Vater hob ihn hinein, ehe er selbst einstieg, sich hinhockte und seinen Sohn fest in die Arme nahm. Dieser hustete. Es klang schrecklich, wie eine alte durchlöcherte Blechtrommel. Jakob sah nach unten und sein kleines Herz klopfte, als der Boden sich immer weiter entfernte. Bald schwebten sie über dem Schuppen und Jakob konnte über das Haus sehen. Dort, im Westen, wo man langestreckt die Insel Hiddensee hinter dem Schaproder Bodden erkennen konnte, dort schwebte ein glutroter Sonnenball und ein merkwürdiges Zittern lag in der Ferne. „Hast Du Angst?“ fragte sein Vater. „Nein!“ antworte Jakob fest und hustete wieder. Angst war wirklich gerade das allerletzte an das er dachte.

Kurz bevor sie am Trepez anlangten kamen sie. Jakob konnte sie zunächst nur hören. Ein eindringliches Trompeten und dann noch eins und noch eins. Er drehte leicht den Kopf und da sah er sie. Sie kamen aus Südwesten, von Gellen her und es waren viele, unzählbar viele.

„Die Kraniche!“ flüsterte sein Vater und hob den kleinen Jakob aus dem Korb auf das Trapez. Zunächst schien es als würden die Kraniche direkt auf sie zufliegen, aber dann drehten sie etwas ab und flogen in einem Bogen westlich an Tankow vorbei hin zu ihrem Rastplatz auf dem Udarser Wiek, direkt vor dem Gästehaus. So flogen sie unmittelbar vor dem roten Sonnenball entlang. Jakob sah Kranich um Kranich als dunklen Körper vor dem wunderbaren Glutrot des Himmels und sein Herz raste wieder. Das Trompeten schwoll an. Es wurden immer mehr. Sie flogen in scharfen Dreiecken, alle denselben Kurs, alle mit demselben Ziel. Immer mehr Kraniche landeten im Wiek und trompeteten als wollten sie ganz Rügen wissen lassen, dass sie nun hier wären. Jakobs Augen wurden größer, noch größer. Sein Mund war halb geöffnet, ein kleines Blutrinnsal lief aus dem linken Mundwinkel. Sein Vater tupfte es gelassen fort und wiederholte sein Tun, als wieder etwas Blut nachlief. Irgendwann waren fast alle Kraniche gelandet. Nur ein paar kleinere Dreiecke kreisten noch am Abendhimmel. Der Sonnenball war verschwunden, im Osten leuchtete die bleiche Mondsichel. Jakob spürte, dass er fröstelte. Onkel T. reichte ihm und seinen Vater je eine Tasse Pfefferminztee. Warm, leicht gesüßt, es war wie Labsal. Das also hatte er im Rucksack gehabt. Die Tasse wärmte die Hände, der Tee seinen Körper und alles, zusammen mit den lauten Rufen der Kraniche die Seele.

Erst als es dunkel war stiegen sie wieder hinunter. Erst er und sein Vater im Korb und anschließend Onkel T.. Noch immer begleitet vom Konzert der Kraniche.

Jakob starb kurz vor Weihnachten. Er wurde nur etwas über 3 Jahre alt. Aber er hatte einmal in seinem Leben hunderte Kraniche durch die Abendsonne fliegen sehen und sie hatten ihm ein wunderbares Konzert gegeben.